Kranz der Vulvina*

Ein weiteres irreführendes und wenig gesundheitsförderndes Wort ist das Wort „Jungfernhäutchen“.

Es vermittelt den Eindruck, es gäbe eine Haut, die nur Jungfrauen besäßen, und das ist es auch, was tatsächlich viele Menschen annehmen.
Das ist aber nicht der Fall.
Es gibt KEINE Haut, die den Eingang zur Vulvina verschließt.
Es gibt KEINE Haut, die irgendwann zerreißt, oder „durchstoßen“ wird.
Es gibt KEINE Haut, an der irgendwer erkennen könnte, ob ein Mädchen oder eine Frau Sex hatte.
Es gibt KEINE Haut, die nur „Jungfrauen“ besitzen.

Also: ES GIBT KEIN JUNGFERNHÄUTCHEN!

Was es gibt: Es gibt, einen Schleimhautkranz, der sich kurz hinter dem Eingang der Vulvina befindet. Diesen besteht aus faltiger unterschiedliche dicker und fester Schleimhaut. der Kranz oder Ring sieht bei allen Menschen, so wie jedes andere Körperteil auch, ganz unterschiedlich aus.

Wie jedes andere Körperteil auch, blutet der Kranz nur, wenn er verletzt wird.Und wie für  jedes andere Körperteil sollte gelten, dass Verletzung für ein gesundes Leben nicht angestrebt wird.
Weniger als die Hälfte aller Mädchen und Frauen bluten beim „ersten Mal“.
Sollte es doch zu einer Blutung kommen, liegt das meistens an einer Verletzung der inneren Schleimhaut. Vulvina besteht ja von innen aus faltiger Schleimhaut, und wie bei einer Zahnfleischverletzung kann man sich vorstellen, wie schnell es grade bei Aufregung und fehlender Feuchtigkeit zu kleineren Verletzungen kommen kann. Dass es der Kranz eingerissen wird geschieht sehr selten. Und wie bei Einrissen zum Beispiel in der Lippe, ist der Kranz natürlich nicht „weg“ sondern leicht verletzt. Der Mythos um das Jungfernhäutchen wiegt schwer, und sorgt für große Unsicherheiten. Um ganz klar u nd deutlich mit dem Mythos aufzuräumen, biete ich auch hier ein neues Wort an, nämlich Vulvinas Kranz oder Kranz der Vulvina.

Der Kranz der Vulvina bleibt ein Leben lang erhalten.

Und er kann bei einer Frau, die schon Kinder geboren hat, genauso aussehen, wie bei einer Frau, die noch nie Sex hatte.

Viele Menschen wissen ganz genau, dass es so ist und verbreiten den Mythos weiter. Andere sind stark verunsichert und denken, nur sie seien anders.

Schweden schaffte 2009 den Begriff Jungfernhäutchen ab. Stattdessen nahm der schwedische Sprachrat den Begriff vaginale Korona offiziell als neues Wort in die Wortliste der schwedischen Sprache auf, was etwa einem Eintrag in den Duden entspricht. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Weil ich das Wort Vagina durch die Vulva zu Vulvina ergänzt habe, nenne ich auch den Kranz nach Vulvina.

Was es nicht gibt, kann natürlich auch nicht „wieder hergestellt“ werden. Deswegen ist eine Operation zur so genannten „Hymen-Rekonstruktion“ – eine OP, die in vielen deutschen Kliniken zu horrenden Preisen angeboten wird – eine Verdrehung der Tatsachen:
Das Hymen wird nicht „wieder hergestellt“.
Der Schleimhautkranz wird bei der sogenannten „Hymen-Rekonstruktion“ lediglich an einigen stellen zusammengenäht. Dadurch wird er enger genäht, als er natürlicherweise ist. Damit soll künstlich erreicht werden, dass der Schleimhautkranz bei Penetration verletzt wird und blutet. Dies wird aber nach aktuellen Studien nur bei zwei von zehn Frauen erreicht. Die Operation ist im besten Fall durch Aufklärung zu ersetzen. Damit viele Mädchen und Frauen und viele Jungen und Männer keine Angst mehr vor dem „ersten“ Mal- und auch allen anderen Malen mehr haben müssen.

 

* „Vulvina“ ist eine Bezeichnung für die weiblichen Geschlechtsorgane; 2012 erstmals benannt und konzeptionell umgesetzt von Ella Berlin.